Ein junger Hund wächst nicht nur in die Höhe, sondern in seinen Körper hinein. Je besser wir diesen Prozess verstehen, desto leichter können wir ihn gesund unterstützen.
Welpen und junge Hunde wirken oft, als könnten sie alles. Rennen, springen, toben, bremsen, wenden und das am liebsten ohne Pause.
Innen drin ist ihr Körper aber mitten in einem komplexen Umbau. Knochen, Gelenke, Muskulatur, Sehnen und Faszien sind noch längst nicht fertig, sondern auf dem Weg dahin.
Wer versteht, wie dieser Weg aussieht, kann seinem Hund ermöglichen, gesund hineinzuwachsen, statt ihn unbewusst zu überfordern.
Knochen & Wachstumsfugen: stark im Werden, nicht im Sein
Die Knochen junger Hunde bestehen lange Zeit aus einer noch nicht vollständig verknöcherten Struktur.
An den Enden der langen Röhrenknochen sitzen die Wachstumsfugen (Epiphysenfugen), dort findet das Längenwachstum statt.
Diese Fugen sind
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bis ins Jugendalter geöffnet (bei kleinen Rassen meist kürzer, bei großen deutlich länger),
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empfindlicher gegenüber Druck, Zug und Scherkräften,
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ein Bereich, in dem Überlastung oder Verletzungen die weitere Entwicklung beeinflussen können.
Zu viel oder unpassende Belastung kann dazu beitragen, dass sich Knochen und Gelenke ungleichmäßig entwickeln. In Kombination mit genetischer Veranlagung und anderen Faktoren können so z. B.:
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Ellbogendysplasie (ED),
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Hüftdysplasie (HD),
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Achsabweichungen,
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oder Fehlstellungen im Bereich der Vordergliedmaßen begünstigt werden.
Gerade im Unterarm ist das Thema Short-Ulna-Syndrom bekannt:
Hier wächst die Ulna (Elle) im Verhältnis zum Radius zu langsam oder die Wachstumsfuge schließt zu früh.
Das kann genetische, traumatische oder mechanische Gründe haben.
Wenn zusätzlich Zugspannungen im Gewebe und ungünstige Belastungen dazukommen, kann sich diese Entwicklung verstärken, mit Folgen für das Ellbogengelenk.
Muskulatur: kraftvoll, bevor der Rest hinterherkommt
Die Muskulatur von jungen Hunden passt sich oft schneller an als Knochen, Sehnen und Faszien.
Das bedeutet: Ein Junghund kann kräftig wirken, obwohl seine „tragenden Strukturen“ noch nicht vollständig stabil sind.
Die Muskulatur darf sich entwickeln durch:
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abwechslungsreiche, altersgerechte Bewegung,
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Koordination, Balance, Körpergefühl,
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freies Spiel ohne ständigen Leistungsdruck.
Wenn jedoch dauerhaft zu viel Druck im System ist, z. B. durch sehr lange Spaziergänge, intensive Ballspiele oder ständige Reize, kann Muskulatur in Schonhaltungen gehen und andere Bereiche überlasten.
Das Tier gleicht aus, aber Ausgleich ist nicht automatisch gesund.
Faszien: ein Netz, das länger braucht
Faszien umhüllen und verbinden alles. Unsere Muskeln, Organe, Knochen und Nerven.
Sie reagieren sensibel auf Belastung, Spannung, Stress und Bewegung und sie passen sich langsamer an als Muskulatur.
Im Wachstum bedeutet das:
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Muskeln können schon viel,
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das fasziale Gewebe ist aber noch nicht vollständig elastisch und belastbar,
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ungleichmäßige Zugverhältnisse im Gewebe können beeinflussen, wie Knochen wachsen und Gelenke geführt werden.
Bleiben Spannungen, Verklebungen oder gestörte Bewegungsmuster länger bestehen, können sie im weiteren Leben zu:
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frühzeitigen Verschleißerscheinungen,
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Spondylose-Bildungen,
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kompensatorischem Hohl- oder Rundrücken,
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und dauerhaft unausgeglichenen Bewegungsabläufen beitragen.
Sehnen & Bänder: die leisen Stabilisten
Sehnen und Bänder sorgen für Stabilität in den Gelenken.
Sie passen sich noch einmal langsamer an als Muskeln.
Ein junger Hund darf sich natürlich bewegen, also springen, mal toben, entdecken.
Werden jedoch regelmäßig hohe Kräfte auf noch nicht voll belastbare Strukturen gebracht (z. Bsp. häufige Sprünge über Hindernisse, abruptes Stoppen, Zerrspiele), kann das die Gelenkstabilität langfristig beeinflussen.
Was ein junger Hund wirklich „darf“ und was ihn überfordert
Ein Welpe darf:
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viel schlafen (18–20 Stunden am Tag sind normal),
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in seinem Tempo die Welt entdecken,
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auf weichem Untergrund spielen,
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kurze, liebevoll geführte Spaziergänge genießen,
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seinen Körper ausprobieren, mit Pausen dazwischen,
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mentale Eindrücke sammeln (Gerüche, Untergründe, Geräusche), ohne dabei körperlich abgerackert zu werden.
Auslastung im Wachstum bedeutet nicht, den Hund müde zu spielen,
sondern ihm zu ermöglichen, Körpergefühl, Sicherheit und innere Ruhe zu entwickeln.
Zu viel wird es, wenn
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der Hund regelmäßig völlig „drüber“ ist,
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nach Aktivität schwer zur Ruhe findet,
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auffällig viel hechelt, trinkt, „platt“ wirkt,
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oder immer mehr Leistung braucht, um „zufrieden“ zu sein.
Dann darf man genau hinsehen:
Liegt hier noch gesunde Entwicklung, oder schon Überforderung?
Warum eine ganzheitliche physiotherapeutische Begleitung sinnvoll sein kann
Eine frühe, sanfte Begleitung durch Physiotherapie, manuelle Techniken und einen ganzheitlichen Blick auf den Bewegungsapparat kann helfen
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Bewegungsmuster früh einzuschätzen,
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auffällige Schonhaltungen rechtzeitig zu erkennen,
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fasziale Spannungen zu lösen,
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die Entwicklung von Muskulatur, Gelenken und Wirbelsäule altersgerecht zu unterstützen,
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bei bereits bestehenden Themen (z. B. genetischer HD-/ED-Neigung, kurzen Unterarmen, traumatischen Erfahrungen) gegenzusteuern.
Es geht nicht darum, in jedem Welpen „ein Problem“ zu sehen,
sondern dem Körper die Chance zu geben, möglichst frei und ausbalanciert zu wachsen.
Junge Hunde bringen von sich aus genug Energie und Bewegungslust mit.
Meine Aufgabe ist es nicht, sie „fit zu machen“, sondern ihnen zu ermöglichen, gesund hineinzuwachsen,
mit Zeit, Pausen, kluger Förderung und, wenn nötig, fachlicher Begleitung.
Viele orthopädische Probleme im Erwachsenenalter haben ihren Ursprung in der Wachstumsphase.
Das bedeutet aber auch, in dieser Zeit liegt eine große Chance.
Wer früh hinsieht, achtsam begleitet und Überlastung vermeidet, hilft seinem Hund, ein stabiles Fundament für ein bewegtes Leben zu legen.
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